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Der Wrangell-St. Elias Nationalpark – ab in die Wildnis

Der Wrangell-St. Elias Nationalpark – ab in die Wildnis

Nachdem wir nun unseren Sommerfahrplan aufnahmen, lag der Wrangell-St. Elias Nationalpark zunächst auf unserer Route. Nun ja, eigentlich waren es auch einige Kilometer Umweg, für Alaska Maßstäbe jedoch nicht all zu weit. Außerdem war Amerikas größter Nationalpark eben nicht so leicht zu erreichen. Hier oben war übrigens noch Vorsaison, die meisten Visitor Center waren noch geschlossen, also mussten wir uns telefonisch um Reservierungen, Zulassungen und Informationen bemühen. Dies hatten wir alles aus Valdez erledigt und nun Stand der Plan. Mira und ich wollten vier Tage im Park verbringen. Am Ende eines 25 Kilometer langen Trails lag die Nugget Creek Cabin, eine kleine rustikale Hütte in der man kostenlos übernachten durfte. Schlafsachen und Kochequipment sollte man mitbringen. Und Zeltausrüstung auch, falls der naheliegende Nugget Creek Hochwasser führte und unpassierbar sei. Es ist Frühling, könnte also der Fall sein, dachten wir uns und packten unsere Rucksäcke mit aller Notwendigen Ausrüstung zusammen. Gestartet wurde vom Parkplatz welcher auf Native Land, Land im Besitz der Ureinwohner, lag. Dafür wurden wir natürlich erstmal zur Kasse gebeten, war aber auch nicht wirklich teuer. Direkt nach dem Parkplatz mussten wir den ersten Bach überqueren. Also Schuhe aus, durchwaten und Schuhe wieder an. Und dann begann der ewige Marsch. Der Trail war alles andere als technisch anspruchsvoll aber einfach nur lang. Ideal für Mira, um ihre neuen Wanderschuhe einzulaufen. Oder auch nicht, nach Kürze bildeten sich die ersten Blasen, die verarztet werden mussten. Trotzdem gingen wir weiter, das gehört eben dazu. Den gesamten Weg entlang marschierten wir durch niedrigen Wald, der jedoch tolle Ausblicke meist verdeckte. Auch sonst passierte nicht allzu viel spannendes. Hier und da hüpften eine paar Hasen umher und Vögel ähnlich wie Rebhühner waren zu finden.

Ein paar Hasen im Gebüsch.
Und ein rebhuhnähnlicher Vogel auf einem Baum.

Größere, gefährlichere Tiere blieben uns fern. Vielleicht auch nur weil wir regelmäßig Ausrufe wie „EOH! EOH!“, „YIB YIB“ und HURRAH‘s“ durch die Gegend riefen. Die Bären waren schon aus dem Winterschlaf erwacht, Wölfe gab es in der Gegend und Elche mit ihren Jungen wollte man auch nicht überraschen. Daher also der ganze Radau. 

Nach circa sieben Stunden Fußmarsch erreichten wir am frühen Abend endlich den Nugget Creek. Dieser war entgegen aller Befürchtungen nur ein kleines Bächlein, welches super einfach zu überqueren war.

Der Nugget Creek, zum Glück nicht allzu schwer zu überqueren.

Wir hatten es also geschafft, die Hütte lag vor uns am anderen Ufer. Und dahinter der mächtige Mount Blackburn, 4996 Meter hoch.

Unten links das dach unserer Hütte, dahinter der mächtige Mount Blackburn.

Was für ein Berg. Spitze Zacken, riesige Gletscher, Eisfälle und Klippen die aussehen wie im Himalaya. Sehr beeindruckend! 

Nord-Amerika oder Nepal, das ist hier die Frage.

Doch jetzt wurde erstmal unser Heim für die nächsten drei Nächte bezogen. Die Nugget Creek Cabin ist wirklich ein Juwel in dieser Landschaft. Klein, gemütlich und doch erstaunlich gut ausgestattet. Ein Feuerofen zum heizen und kochen, ein paar Töpfe und einfaches Geschirr, sogar Matratzen und Decken gab es. Mehr als erwartet!

Das innere der Hütte.
Blick in die andere Richtung.
Und die dritte Seite.

Und um die Ecke gab es ein kleines Klohäuschen mit dem wohl besten Blick in Alaska. Hach wie schön.

Das Klo mit dem betsen Blick. Die hintere Wand existierte selbstverständlich nicht!

Eifrig bezogen wir unser kleines Heim und machten ein Feuer im Kamin um gleich Abendessen zu kochen. Danach bewunderten wir erneut vom Ufer des Nugget Creek aus die in der Abendsonne beschienenen Gipfel und Gletscher des Mount Blackburn. Das ist doch wirklich unglaublich hier.

Abendlicht über dem Mount Blackburn.

Zurück bei der Hütte lernten wir unseren Nachbarn Otto kennen. Wir hatten ihn am nächsten Tag so getauft. Otto war ein Stachelschwein, welches an diesem ersten Abend gemütlich an der Hütte vorbei schlenderte. 

Darf ich vorstellen: Otto, das Stachelschwein.

Im Schein des Feuers im Ofen entspannten wir noch ein Weilchen unsere Muskeln und gingen dann ins Bett.

Wirklich heimelig vor dem warmen Ofen!

Um kurz nach zwölf war dann auf einmal Panik im Raum. Mira kam gerade von der Toilette zurück und schloss die Tür zu, da fing etwas von außen an an der Hütte zu kratzen. Die Angst war natürlich erstmal groß, was wenn das ein Bär war, der es auf unser Essen abgesehen hatte? Das Kratzen hörte nicht auf. Panik. Allerdings hörte sich das ganze irgendwie nicht wie etwas Großes an. Ich zog mir schnell etwas an und bewaffnete mich mit Besen und Bärenspray, knipste die Kopflampe an und öffnete die Tür. Zu sehen war erstmal nichts. Vorsichtig schlich ich hinaus und blickte mich um. Woher kam das kratzen. Ich hatte einen Verdacht. Ich blickte um die Ecke und erschrak. Auf halber Höhe an der Wand hing Otto und nagte und kratze an unserer Hütte. Gottverdammt, da ist man in der Wildnis zwischen Bären, Wölfen und Elchen und ein Stachelschwein hält die ganze Bude in Atem. Otto war von mir erstmal wenig beeindruckt. Erst als ich ihn mit dem Besenstiel aus sicherer Entfernung um die Ecke pikse bewegt er sich woanders hin. Genauer gesagt auf die andere Seite der Hütte, wo er unbeirrt weiter knabberte. Echt jetzt? Mit kleinen Steinen versuche ich ihn zu verjagen, ihm Angst zu machen, doch auch das bringt nichts. Ein etwas größerer Stein trifft ihn an seinem geschützten Rücken. Er fällt von der Wand herunter und verkriecht sich unter ein paar Holzscheiten. Verdammt, den wurden wir nicht los…

Also fanden wir uns mit den gruseligen Kratzgeräuschen ab, da wir wussten, dass zumindest keine Gefahr von ihnen ausging. Was für eine aufregende Nacht…

Dafür war am nächsten Morgen das Wetter schön und wir hatten alle Zeit der Welt um auszuschlafen und gemütlich vor der Hütte zu frühstücken. Danach machten wir uns auf den Weg um die Umgebung zu erkunden. Ziel waren die Ausläufer des mächtigen Kuskulana Gletschers, der aus dem Bergmassiv um den Mount Blackburn herauslief. Ohne Trail war das ganze etwas mit pfadfinderischem Können und Balance verbunden aber letztendlich standen wir vor der schier endlosen Mondlandschaft, die der Gletscher geschaffen hatte.

Wir haben es fast bis zum Gletscher geschafft.

Geröll türmte sich auf soweit das Auge reichte. Und dazwischen fand man tiefblaue Seen und Flüsse.

Was für eine Landschaft!
Und was für ein Blau!

Wir suchten uns einen Weg weiter durch diese unwirkliche Landschaft vor zu den Eisblöcken und Wänden, die das Ende des Gletschers prägten. Bis ganz nah dran konnten wir vordringen, etwas Sicherheitsabstand hielten wir aber trotzdem, denn alles um uns herum taute und ständig vielen auf dem Gletscher abgeladene Steine und Felsen herab.

Wirklich riesig, dieser Gletscher!

Von einer zur nächsten Wand liefen wir entlang des Gletschers, machten hier und da eine Pause und genossen es, die einzigen an diesem schönen Fleck Erde zu sein.

Spektakuläre Eisformationen.

Nachmittags suchten wir einen Weg zurück zur Hütte, teils durch Gebüsch, dann wieder über weite, offene, ausgetrocknete Flussläufe.

Abschied vom Kuskulana Gletscher.

Und dann genossen wir wieder unsere gemütliche Hütte. In der Nacht meldete sich dann erneut Otto. Ich hatte den Tag über gegrübelt, ob ich einen weiteren Versuch starten sollte, ihm einen Schrecken einzujagen. An eine Fackel hatte ich gedacht, Tiere hatten ja bekanntermaßen Angst vor Feuer. Schlussendlich beschlossen wir aber, dass wir Otto einfach seine Mahlzeit haben und in Frieden lassen würden. Ganz so lang knabberte er diese Nacht auch gar nicht an der Hütte und wir konnten gemütlich danach schlafen.

Den dritten Tag in der Wildnis verbrachten wir neben unserer Hütte. Wir lasen unsere Bücher, lösten Rätsel aus einem Buch, welches wir in der Hütte fanden und ich schrieb Blogeinträge an meinem Handy.

Einfach mal entspannen!

Das ganze war eine willkommene Pause und Vorbereitung auf den anstrengenden nächsten Tag. Am selben Tag lasen wir auch ein bisschen im Hüttenbuch und fanden belustigt heraus, dass Otto eigentlich bereits Herold genannt wurde und schon so manchen Besucher hier bei Nacht erschreckt hatte. Das macht Otto, oder Herold, irgendwie sympathisch. 

Zumindest bis zur letzten Nacht. Da beschloss Otto mit einen Freund daherzukommen und zu zweit knabberten die zwei an unserer Hütte. Das war zum verrückt werden und wieder zog ich bewaffnet hinaus in die Nacht und versuchte die Biester zu vertreiben. Immerhin waren sie danach für eine Stunde oder so ruhig… zudem nervten in dieser Nacht noch die Moskitos. Richtig gut erholen konnten wir uns also nicht, trotzdem starteten wir am letzten Tag nach dem Frühstück unseren Marsch zurück zum Van. In nurmehr sechseinhalb Stunden schafften wir die Strecke, was sich trotzdem wie eine Ewigkeit anfühlte. Immerhin, wir hatten es geschafft. Unser erstes großes Alaska Abenteuer ging erfolgreich zu Ende, mit vielen guten Erinnerungen im Gepäck und einer gewissen Abneigung gegenüber Stachelschweinen.

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