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Die Glacier Bay – Ein Traum geht in Erfüllung

Die Glacier Bay – Ein Traum geht in Erfüllung

Ring ring! Ring ring! 6:45 Uhr, mein Wecker klingelte. Verschlafen kroch ich aus meinem Schlafsack, hinein in so ziemlich jede Klamotte die ich dabei hatte, damit mir warm wurde. Schnell noch ein paar Brote und Frischkäse eingepackt und los gings zum Dock an dem die Baranof Wind schon wartete. Ich war früh dort und sicherte mir einen Platz auf dem zweiten Deck am Fenster. Nach und nach füllte sich das Schiff, jedoch blieben doch einige Plätze unbesetzt, was bestimmt daran lag, dass die Saison im Park gerade erst begonnen hatte. Sehr angenehm. Als die letzten Gäste schließlich an Bord kamen war mir bereits wieder warm und ich war froh, dass es endlich losging. Der Kapitän, die Crew und die Rangerin begrüßten uns über die Lautsprecher und erklärten uns den Ablauf der Tour und was wir alles sehen würden. Eine Menge! Hoffentlich versprachen sie nicht zu viel! Gleich zu Beginn lernte ich eines: Seeotter sind wirklich nichts besonderes, es gibt Tausende hier, egal wo man hinsah dümpelten sie auf dem Rücken im Wasser. Der eine, den ich auf Vancouver Island gesehen hatte war damit wohl keine Besonderheit mehr.

Eine Gruppe Seeotter schaute interessiert unserem Boot hinterher.

Eine weitere Stunde verging, in der ich mich hauptsächlich mit anderen Gästen unterhielt, bis wir auf eine kleiner Insel in der Bay zusteuerten. Aus der Ferne nur unklar erkennbar lag da etwas auf den Felsen. Ziemlich viel von diesem Etwas. Erst als wir näher herankamen stellte sich heraus, dass dies alles Stellersche Seelöwen waren, die auf den Felsen dösten. Ich war fasziniert. Ich hatte gehofft den ein oder anderen zu sehen, aber diese Insel schien geradezu überbevölkert zu sein.

Eine große Gruppe Stellerscher Seelöwen auf einer Insel inmitten der Bay.

Die Vögel kreischten, die Seelöwen jaulten und ich hörte dem Gesang der Natur zu und genoss ein Teil davon zu sein. Gefühlt 50 Fotos später nahm das Schiff wieder fahrt auf und es ging tiefen in die Bay hinein. Langsam wurden die Felswände steiler, die Gipfel höher, und die Vegetation spärlicher.

Steile Hänge, spärliche Vegetation und der ein oder andere Wasserfall. Wir näherten uns den Gletschern.

Zudem viel auf, dass die Farbe des Wassers von Tiefblau langsam in ein karibisches Türkis überging. Ein Zeichen, dass wir uns den riesigen Gletschern näherten. Doch noch war es nicht soweit und wir bekamen regelmäßig Informationen über die sich ändernde Landschaft, geologische und geomorphologische Besonderheiten und Tiere, die diese Gegend bevölkerten über die Sprechanlage mitgeteilt. Einmal hielten wir nahe am Ufer an und konnten einen Schwarzbären beim Muscheln suchen beobachten, ein andermal sahen wir einen Braunbären am Rand des Strands entlang schlendern, dann  noch einen und einige Bergziegen, die sich an den steilen Felsen entlang ihren Weg bahnten.

Ein Grizzly schaute uns verduzt hinterher, als wir ihn am Strand bei seinem Mittagessen überraschten.
An den steilen Felsen waren die Bergziegen vor Raubtieren sicher.

Es war wirklich nicht zu viel versprochen, man sah eine Menge wilder Tiere. Ich hatte kaum die Zeit ins Innere des Boots zu gehen um meine Lachscremesuppe zu essen, so oft fühlte ich den Drang auf Deck zu gehen und die Umgebung zu fotografieren und natürlich zu genießen. Ich verbrachte fast die ganze Zeit an der frischen Luft. Bisher hatte das Wetter super gehalten und es hatte kein Tropfen Regen unsere Tour gestört. Im  Gegenteil! Die Sonne schaffte es sogar ab und zu ein paar Strahlen durch die Wolkendecke zu senden und sorgte für eine angenehme Brise über dem Wasser. Was für ein Glück, dass sich die Wettervorhersage so getäuscht hatte… bis jetzt. Doch es blieb weiterhin trocken. Das Wasser hatte unterdessen wieder die Farbe gewechselt, es war nun wirklich milchig trüb, fast grau, was bedeutete, dass wir fast am Ziel waren.

Teilweise abrupt änderte sich die Farbe des wassers, wenn wieder ein Bach frisches Gletscherschmelzwasser in die Bucht führte.

Die vielen Gletscher transportierten nämlich so viele kleine Partikel mit sich, die sich erst ganz langsam mit der Zeit absetzten, dass diese das Wasser so verfärbten. Wir umrundeten einen weiteren Felsen und da war er. Der erste große Gletscher, den wir an diesem Tag zu sehen bekamen. Es war noch kein Gezeitengletscher, wegen denen wir hauptsächlich hier in die Bay kamen, aber die Gletscherzunge reichte schon fast bis an das Wasser heran. Weiter gings. Wieder ein paar Berge umrunden und dann endlich, in der Ferne, zeigten sich die ersten hohen Abbruchkanten der Gezeitengletscher, schimmernd blau und so riesig, dass die zwei Kreuzfahrtschiffe, die in der Bucht unterwegs waren, wie Nussschalen auf dem Wasser wirkten.

Es war wirklich ein riesiges Kreuzfahrtschiff mit über 2000 Passagieren. Gegenüber dem Gletscher wirkte es jedoch winzig.

Wir fuhren weiter in die Bucht hinein, stetig Kurs auf den riesigen Grand Pacific Glacier haltend, der das Ende der Bucht darstellte. Auf dem Weg dorthin konnten wir noch zwei Wölfe am Strand ausmachen, die jedoch wirklich nur als zwei kleine Punkte erkennbar waren, so weit wie sie entfernt lagen.

Suchspiel: wer findet die Wölfe?

Wir fuhren bis ins Ende der Bucht zum Grand Pacific Glacier. Der Grand Pacific Glacier ist der größte Gletscher im Nationalpark, ist jedoch kaum mehr ein Gezeitengletscher, da er bereits so viel Sedimente abgelagert hatte, dass diese die Verbindung zum Meer nahezu kappten.

Der Blick auf den Grand Pacific Glacier. Er liegt übrigens in Kanada, ich war also ganz nah an der Grenze.

Doch der von links in die Bucht einfallende Margerie Glacier war ein Gezeitengletscher wie aus dem Bilderbuch! Oder eben wie aus dem Buch „die Spur des blauen Bären“. Ich war da! Ich hatte es geschafft! Ich zitterte am ganzen Körper, so aufgeregt war ich. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Es war einfach so mächtig. Das wohl eindrucksvollste Naturphänomen, das ich jemals gesehen habe.

Einfach ein unbeschreibliches Gefühl, so nah an dem Gezeitengletscher zu sein.

Den Finger ständig auf dem Auslöser blickte ich wie gebannt auf die Eiswand, die sich vor uns erhob. Sollte der Gletscher tatsächlich kalben, währenddem wir dort waren, wollte ich es unbedingt festhalten. Ich fühlte mich in die Situation von Lynn Schooler und den Fotographen Michio Hoshino hinein, die genau wie wir für Stunden und Tage auf solche Momente warteten. Dementsprechend war ich auch kaum enttäuscht, als das Boot nach einer halben Stunde wieder langsam Fahrt aufnahm um noch weitere Gletscher anzusteuern. Es wäre schon ein großes Glück gewesen, wenn genau während unserer Anwesenheit ein großer Eisberg abgebrochen wäre und seinen Weg in den Pazifik gestartet hätte. Noch hatten wir ja weitere Gletscher vor uns. Der nächste war der John-Hopkins Glacier, and den wir aber nicht näher als fünf Meilen heranfahren durften, da zu seinem Fuß ein Schutzgebiet für Seelöwen lag. Doch selbst aus fünf Meilen Entfernung war dieser Gletscher riesig und die Abbruchkante enorm hoch.

Der John-Hopkins Glacier aus fünf! Meilen entfernung. Stellt euch mal vor wie groß er sein musste, wenn man direkt davor wäre.

Leider war die Sicht etwas durch Nebel und tiefe Wolken getrübt und man konnte nur erahnen wie weit der Gletscher noch in das Tal hineinführen würde. Es Gab unterdessen Mittagessen, doch ich hatte nun wirklich besseres zu tun als zu essen, und so blieb mein Sandwich nahezu unberührt bis wir wirklich wieder auf dem Rückweg waren. Denn direkt nach dem wir den John-Hopkins Glacier hinter uns gelassen hatten näherten wir uns dem wohl schönsten Gezeitengletscher des Parks: dem Lamplugh Glacier. Der Lamplugh Gletscher hatte die Besonderheit, dass dessen Eis so stark zusammengepresst wurde, dass es wunderschön blau erschien.

Wunderschönes, blaues Eis, direkt auf dem Weg in den Pazifik.

Ich hing wie gebannt am Geländer des Decks. Ich hatte wieder kein Glück, wieder brach kein Eisblock herab. Das tiefe blau des Gletschereises brannte sich in mein Gedächtnis und ich würde es nie wieder daraus entlassen. Diese Erfahrung, dort gewesen zu sein, war das wertvollste, was ich von diesem Trip mit nach Hause nehmen würde. Auf dem Weg zurück passierten wir noch einen weiteren Gezeitengletscher, der allerdings auch schon fast den Kontakt zum Meer verloren hatte und dadurch eher wie ein gewöhnlicher Gletscher wirkte, fuhren wieder and den wunderschönen Bergketten entlang, sahen noch einen Buckelwal neben dem Boot auftauchen und ich hatte endlich Zeit für mein Mittagessen.

Der letzte Gletscher für diesen Tag. Immer noch beeindruckend!

Generell genoss ich noch ein bisschen den Luxus auf dem Boot, den ich während unserer Reise sonst nicht hatte. Kaffee, heiße Schokolade, frisches Obst und sogar Cookies wurden angeboten. Für die 225 Dollar erlaubte ich mir sogar, zwei Tüten heiße Schokolade und zwei Orangen in meinem Rucksack für später mitzunehmen. Aber psst! Um 15:00 Uhr erreichten wir die Bartlett Cove wieder und diese begrüßte uns mit strahlendem Sonnenschein. Wie konnte der Wetterbericht nur so falsch liegen. Es war einfach ein absoluter Glücksgriff! Ich legte mich in T-Shirt und kurzer Hose an den Strand, las ein zwei Kapitel in meinem Buch und nutze die Windstille um etwas früher als sonst mein Abendessen am Strand zuzubereiten. Es gab, wie am Vortag und am folgenden Tag Couscous mit Tomatensauce. Leicht zu transportieren, wenig Gewicht, billig und wenig Kochaufwand. Da war es wieder, das gute alte Campingleben. Am Abend besuchte ich wieder den Abendvortrag im Hörsaal, schielte nochmal in das Bücherregal auf das Buch, das mich hierher gebracht hatte und hakte diesen Punkt in meiner Liste ab. Nach dem Vortrag entspannte ich noch alleine in der kleinen Schutzhütte des Campgrounds, heizte den Ofen ordentlich ein und lies mich mit Bob Dylan auf den Ohren einfach nur noch gehen.

Der gemütlichste Ort um die ereignisse des tages zu verarbeiten und sich von der Reizüberflutung zu erholen. Die Aufwärmhütte am Campingplatz.

Das letzte, an was ich mich von diesem Tag erinnern konnte, war dass ich in meinen Schlafsack kroch und weinte. Ich weinte, weil ich der glücklichste Mensch der Welt war. Ich weinte aus Demut, Faszination und Furcht vor dem, was ich erleben durfte, was jedoch wohl nicht für alle Ewigkeit für jedermann erlebbar sein würde, da die Zahl der Gezeitengletscher im Park weiter abnimmt. Und ich weinte, weil ich dieses Erlebnis gerne mit einigen Menschen geteilt hätte. Menschen, die mir am Herzen liegen und Menschen, die mir geholfen haben das hier zu erleben. Möge dieser Text euch möglichst nah an diesen Ort versetzen. Danke, für diesen wundervollen Tag.

Und weil die Seeotter einfach zu niedlich sind, wenn sie auf dem Rücken im Wasser treiben, hier noch ein Bild davon.
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3 Kommentare

  1. Oda
    Samstag, der 26. August 2017 / 22:44

    Lieber Moritz, ich freue mich riesig für Dich, dass Du so viele wunderbare Erlebnisse genießt. Sie wirklich genießt, Dir das alles bewusst machst und uns teihaben lässt. Ich bin gespannt, was Heike und Jürgen erzählen! Wir genießen gerade Frankreich… Herzlichst Oda und Hubert

  2. Moritz
    Montag, der 4. September 2017 / 11:01

    Hey Moritz, your blog made my day!
    Nach mehreren kurzen Besuchen dieses Mal doch einiges mehr am Stück gelesen…wirklich beeindruckend! Ich weiss schon wen ich für meine Amerika-Reise auf jeden Fall konsultieren werd;)
    Schön dass Du so ausführlich berichtest und dir die Zeit nimmst.
    Dir weiterhin alles Gute!
    Moe

    • Dienstag, der 5. September 2017 / 00:21

      Hey Moe, vielen, vielen Dank für das positive Feedback! Klar, sobald ich (irgendwann) mal wieder da bin, können wir da auf jeden Fall mal drüber reden 🙂

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