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Kluane Nationalpark – Wandern bis an die körperlichen Grenzen

Kluane Nationalpark – Wandern bis an die körperlichen Grenzen

60 Kilometer wandern! An drei Tagen! Durchs Gelände! Mit schweren Rucksäcken! Wir Menschen kommen echt auf dämliche Ideen! Wieso es sich trotzdem gelohnt hat möchte ich euch jetzt erläutern.

Für den Kluane Nationalpark hatten wir uns einen echten Kracher ausgesucht. Eine Wanderung über drei Tage, die uns weit in den Park in ein Gletschertal führte. Bis zum Camp waren es nicht weniger als 22,5 Kilometer, was bedeutete, dass wir die gesamte Strecke unsere komplette Campingausrüstung mit uns schleppen mussten. Zusätzliches Gewicht bescherte uns das massive Bear Barrel, welches als bärensicherer Stauraum für das Essen für alle Parkbesucher Pflicht war. Am ersten Tag ließen wir uns also im Visitor Center registrieren, kauften in Destruction Bay noch ein Bärenspray und packten unsere Rucksäcke auf dem Parkplatz fertig. Um halb drei am Nachmittag machten wir uns dann auf den Weg. „22 Kilometer, wird ja schon zu schaffen sein! Außerdem sind es ja nur 100 Höhenmeter, also fast nichts…“, dachen wir uns am Anfang noch. Erst als wir nach einiger Zeit die ersten Markierungen erreichten und diese erst 2,3 Kilometer anzeigten, wurde uns bewusst, auf was wir uns da eingelassen hatten.

Laufen, Laufen und nochmal Laufen. Endlos ging es in das Tal hinein.

Den Sheep Creek konnten wir zum Glück über zwei umgefallene Baumstämme passieren, der bei Kilometer sieben liegende Bouillon Creek dagegen bescherte uns nasse Füße. Wir hatten extra Ersatzschuhe dabei, um im eiskalten Wasser guten Halt zu finden. Mittlerweile im Rhythmus trotteten wir weiter und weiter. Eigentlich hatten wir schon gar keine Kraft mehr, doch wir gaben nicht auf. Bei Kilometer 17 lasen wir nochmal die Wegbeschreibung durch, die zu unserem Entsetzen jetzt auch noch den anstrengendsten Teil des Trails ankündigte.

Am Ende mussten wir sogar noch einige Höhenmeter bewältigen.

Doch wir kämpften uns weiter den Berg hinauf und dann wieder hinab, wo endlich der ersehnte Campground und das Ende des Trails am Canada Creek lag. Das Ziel war schon lang in Sicht gewesen, aber das Tal war einfach so riesig, das jeder noch so nah erscheinende Hügel Meilen weit entfernt lag.

Wir hatten es geschafft! Die Markierung am Canada Creek!

Der Sturm, der stetig aus dem Tal heraus gegen uns pfiff, machte die Sache nicht einfacher. Unmengen an aufgewirbeltem Staub wurden mitgetragen und erzeugten regelrecht Sandstürme, die durch das Tal zogen. Aber wir hatten es geschafft!

Sandstürme häuften am Rand des Tals sogar teilweise Dünen auf, die ich sonst nur von Küstenregionen kannte.

Um halb 10 am Abend waren wir angekommen, kochten noch etwas und gingen ins Bett. An die Wanderung, die wir für den nächsten Tag geplant hatten, wollten wir gar nicht erst denken und stellten uns auch keinen Wecker.

Wir schliefen bis halb elf Uhr Vormittags. Eigentlich war der Plan gewesen, am zweiten Tag auf den Observation Mountain zu steigen. Dieser hätte aber hin und zurück weitere 19 Kilometer und 1200 Höhenmeter bedeutet. Außerdem würde uns da oben eine Menge Schnee erwarten. Nach den Strapazen des Vortags unvorstellbar. Wir beschlossen trotzdem einen Blick auf den riesigen Kaskawulsh Glacier zu ergattern, indem wir uns eine Seitenmoräne am Fuß des Observation Mountain als Ziel nahmen.

Rechts ist die Seitenmoräne schon im Blick, hinter mir der riesige Kaskawulsh Glacier!

Wir überquerten also den Canada Creek und liefen auf den Gletscher zu. Und wieder überraschte uns das Tal mit seiner unvorstellbaren Größe. Weitere sieben Kilometer mussten wir zurücklegen um die Seitenmoräne zu erreichen, deutlich mehr, als wir erwartet hatten, da sie vom Camp aus viel näher und kleiner aussah. Das Gelände war nochmal deutlich unwegsamer als am ersten Tag und ließ die Beine schon bald wieder schwer werden. Auf halber höhe der Seitenmoräne, als der Blick auf den Gletscher schon ganz gut war gaben wir schlussendlich auf. Zum einen, weil das Wetter trüber wurde und zum anderen, weil unser gesunder Menschenverstand uns daran erinnerte, dass am nächsten Tag wieder die 22,5 Kilometer mit schwerem Rucksack zu bewältigen waren.

Endlich konnten wir von oben auf den überwiegend mit Schutt bedeckten Gletscher herab blicken.

Immerhin hatten wir einen ganz guten Blick auf den Gletscher werfen können, der sich noch viele Dutzende Kilometer in das Tal weiterzog. Das Highlight, das uns alle Schmerzen und Anstrengungen vergessen ließ, wartete aber noch auf uns. Um Zeit zu sparen rutschten wir den Schotterhang der Moräne hinunter und wollten über das Gletschervorfeld zurück zum Camp laufen. Unten angekommen ergab sich uns die einzigartige Möglichkeit direkt an den Gletscher heranzutreten. Direkt vor uns erhob sich also eine Wand aus Eis. Sogar vor eine Eishöhle konnten wir gehen.

Eine riesige Eishöhle konnten wir von ganz nah bestaunen. Im Titelbild wird jedoch klar, dass diese nur ein kleiner Teil des Gletschers ist.

Das Licht schimmerte wunderschön durch das Eis. Absolut der Hammer! Die Eishöhle war so groß und dennoch nur ein mikroskopisch kleiner Teil des gesamten Gletschers, dass eine unglaubliche Ehrfurcht in mir heranwuchs. Zudem war ich mächtig stolz es hierher geschafft zu haben. Glücklich und beflügelt kamen wir am Abend zurück zum Camp.

Der nächste Tag war, wie ihr euch bestimmt denken könnt, der Horror. Ab dem ersten Schritt waren die Beine schwer und es zwickte und schmerzte an sämtlichen Gliedern. Die Nerven lagen blank. Wir trotteten wie ferngesteuert immer weiter den Trail entlang, riefen wie üblich alle paar Meter „Eeoh! Eeoh!“ um zu vermeiden, dass wir Bären überraschten und arbeiteten Wegpunkt für Wegpunkt ab. Wenigstens blies der Wind diesmal in unsere Richtung.

Am späten Nachmittag erreichten wir den Parkplatz. Wir hatten es wirklich geschafft. Wir hatten unsere Grenzen überwunden und nicht aufgegeben. Es wäre ja auch keine Option gewesen. Dass wir keinen Bären gesehen haben, war schlussendlich auch nur nebensächlich, denn die Erfahrung am Gletscher und die Erkenntnisse über die wahre Größe der Natur bleiben uns wohl für immer erhalten.

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1 Kommentar

  1. Strasser
    Mittwoch, der 31. Mai 2017 / 22:05

    Lieber Moritz,

    Gratuliere dir was du da geschafft hast unglaublich. Die Natur ist ja einzigartig ich Freue mich sehr für dich. Alles liebe Marion

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