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Tag 7: Mit dem Speedboat über den Telezker See

Tag 7: Mit dem Speedboat über den Telezker See

Am darauffolgenden Morgen war der Wind doch ziemlich stark geworden, und so schlief ich nicht viel länger als bis nach Sonnenaufgang. Ich hatte sowieso wieder Küchendienst, mein Plan, das gleich am Anfang abzuhaken, ging irgendwie schief, denn jetzt, nachdem jeder einmal Küchendienst gemacht hatte, gehörte ich zu dem Teil der Gruppe, der das zwei Mal erledigen musste.

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Morgendliche Stimmung im Tal des Tschulyschman.

Halb so schlimm, wach war ich eh, und da wir mittlerweile mit den Guides schon befreundet waren, war es auch echt immer witzig mit ihnen zu kochen. Noch dazu würden wir alle Fahrer außer den kleinen Dima für zwei Tage nicht mehr sehen. Uns stand nämlich heute die Weiterfahrt auf dem Seeweg bevor, und irgendwer musste ja die Autos wieder zurück in die Zivilisation, auf die andere Seite des Sees bringen. Vielleicht erahnt ihr jetzt schon, welche Dimension die Strecken dort haben, denn ja, der See kann nur weiträumig umfahren werden, und dafür werden fast zwei Tage benötigt. Aber bleiben wir am Anfang, denn bevor wir überhaupt zu dem See gefahren wurden, hatten wir noch eine kleine Wanderung in dem Tal vor uns. Da unser Ziel, eine weitere geographische Besonderheit (wer hätt’s gedacht?), auf der anderen Seite des Flusses lag, jedoch weit und breit keine Brücke zur Überquerung bereitgestanden hätte, wurden wir kurzerhand in Grüppchen auf einem Motorboot dorthin transportiert.

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Die Überfahrt über den Tschulyschman mit dem kleinen Motorboot.

Auf der anderen Seite liefen wir zunächst entlang des Flusses, bogen dann in Richtung eines kleinen Bauernhofes ab und überquerten eine Kuhweide. Neben Kühen waren aber auch Schafe und Ziegen unterwegs, einfach alle Tiere, die die Menschen zur Versorgung benötigten. Wir ließen die Kuhweide hinter uns und bogen in einem kleinen Laubhain, auf einen den Hang hinaufführenden Weg, ab. Diesem folgten wir bis zum steiler ansteigenden Rand des Tals, wo jedoch noch nicht Schluss war. Weiter hinauf ging es auf einem steilen Steig bis zu einer kleinen Erhebung aus dem Hang. Der Ausblick auf das gigantische Tal von dort aus war mal wieder wunderschön und es hätte sich allein dafür schon gelohnt den Aufstieg auf sich zu nehmen.

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Der Blick von der Erhebung auf das Tal. Links des Flusses ist der kleine Bauernhof zu sehen, rechts die einfache Straße, die durch das Tal führt.

Doch es gab ja noch ein weiteres Phänomen, welches die Studentengruppe besichtigen wollte. Ein Phänomen, das an einigen Orten auf der Welt auftritt, beispielsweise im Österreichischen Tirol oder in Amerika, welches aber nur durch das Zusammenspiel idealer Bedingungen entsteht. Erdpyramiden! Ich hatte davon zuvor noch nichts gehört und war mir zunächst nicht sicher, was mich erwarten würde, aber als ich die Entstehungsgeschichte dieser erfuhr, war ich schon fasziniert.

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Erdpyramiden am Hang des Tales. Wo habt ihr so etwas schon einmal gesehen? Lasst es mich gerne in den Kommentaren erfahren.

Prinzipiell sind zwei Faktoren zur Entstehung maßgeblich. Zum einen fiel sofort auf, dass fast jede Pyramide einen größeren Stein als Dach hatte. Dieser schützt das darunter liegende Gefüge wie ein Schirm vor Regenwasser und komprimiert es, wodurch es auch durch andere Arten von Erosion nicht mehr abgetragen werden kann. Zweitens ist die Lage ausschlaggebend. An Einigen stellen im Tal des Tschulyschman haben wir ähnliches Sediment gefunden, welches auch noch von früheren Vergletscherungen übrig geblieben ist, jedoch war es nie in dieser Pyramidenform zu sehen. Nur an diesem einen Ort stimmten die Wind und Wetterverhältnisse und ließen diese Skulpturen entstehen. Von zwei weiteren Orten habe ich ja schon erfahren, dass es dort dieses Phänomen auch gibt, falls ihr noch einen Ort kennt, könnt ihr das gerne in den Kommentaren schreiben, vielleicht schaffe ich es eines Tages auch dorthin.

Während des Abstiegs betrachteten wir nochmal die kleine Farm, die dort einsam und allein die Tallandschaft prägte. Darum herum gediehen saftige Wiesen, wohingegen der Rest des Tals eher von Trockenheit geprägt war. Ein Indiz für die Düngeleistung des Viehs auf den Wiesen und in welch trockenen Gebieten trotzdem noch Viehwirtschaft betrieben werden kann.

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Die Farm, die einsam in dem weiten Tal liegt.

Auch fiel mir auf, dass es so gut wie keine Zäune gab, die die Tiere irgendwie einpferchten. Scheinbar bleiben sie ihrer Farm von selbst treu, auch wenn ihnen in einem Tal kaum etwas anderes möglich bleibt, da die Auswege nur begrenzt wären. Die einzige eingezäunte Wiese hatte genau den umgekehrten Nutzen, nämlich die Tiere davon fern zu halten, um Heu für den Winter wachsen zu lassen.

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Kühe, Ziegen, Schafe. Alles war auf der Weide unterwegs und genoss das entspannte Leben an diesem schönen Ort.

Das Prinzip der Subsistenzwirtschaft finde ich wirklich bewundernswert, denn wer weis heutzutage noch so gut, wie man mithilfe der Natur überlebt? Wer besitzt heute noch das Handwerk, um an so einem einsamen Ort ohne gute Versorgungsanbindung alles in eigenständiger Arbeit zu errichten, instand zu halten und zu reparieren? Dieses Kulturgut ist eines, welches die Republik Altai wirklich zu diesem Idyll macht, als welches ich sie erfasst habe.

Aber jetzt genug Bauernhof, wir hatten ja noch ein gutes Stück an Weg zurückzulegen, weshalb wir zügig zurück zum Bootsanleger wanderten, übersetzten, das Camp abbauten und uns mit den Autos Richtung Telezker See aufmachten. Noch einmal zwei Stunden Buckelpiste, dann hatten wir das Ufer erreicht. Kleine Auen und zahlreiche Verzweigungen des Tschulyschman kündigten das Ufer schon vorher an. Und nun stand ich dort, am Ufer des größten Sees der Republik Altai, der über 70 Kilometer lang in einem Tal verlief. Wäre der Ort nicht so abgelegen, wäre es ein absoluter Traumstrand…wobei er es vielleicht genau deswegen ist.

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Der Strand am Telezker See: wild und einsam, mitten in der Natur.

Wunderbar, dort gewesen zu sein. Bei kleinem Mittagssnack verabschiedeten wir uns von der Fahrergruppe, die den langen Rückweg zum Chuya Highway antrat und uns mit den notwendigen Materialien zum Campen zurückließ.

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Wir hatten es geschafft: der Telezker See! Von hier an ging es für die Autos nicht mehr weiter.

Wir packten alles auf das Speedboat, welches ich in dieser Art schon in Indonesien zwischen den Inseln gefahren bin. Und es fühlte sich tatsächlich ein bisschen an, wie auf dem Meer, da ein Regenschauer die Wasseroberfläche ordentlich aufwirbelte und wir in rasendem Tempo über die Wellenberge sprangen. Leider hielt der Regen auch noch an, als wir unser Ziel, das Dorf Yaylyu, welches direkt am Nordufer des Sees lag, erreichten. Das Camp bauten wir direkt auf dem dünnen Kiesstrand auf, der vor dem steil ansteigenden Ufer abgelagert war.

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Aus dem Zelt direkt ins Wasser! Die Kälte des Wassers ist mir aber schon ein bisschen anzusehen.

Wir lebten auf dem Grundstück von Evgenij, einem alten Russen, der als Guide für den Naturpark um den See tätig war, und konnten seine geräumige Terrasse mit Seeblick für unsere Mahlzeiten nutzen. Da es schon wieder spät war, machten wir uns ans Kochen und Feuer machen. Nudeln mit Hackfleischsoße und bunter Salat dazu stand auf der Speisekarte. Nachdem alles aufgegessen war und wir alles abgespült hatten, setzten wir uns noch zusammen auf einen Ausguck, der über dem Ufer des Sees thronte und ließen es uns bei dem ein oder anderen Fläschchen Wodka gut gehen, bevor wir uns auf ins Bett machten. Am nächsten Tag wollte Evgenij uns das Dorf und die Umgebung zeigen, wofür ich noch einmal ausgeschlafen sein wollte.

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