Tag 6: Das Tal des Tschulyschman

Tag 6: Das Tal des Tschulyschman

So langsam fand ich richtig gefallen an dem einfachen Lebensstil in der Natur. Keine Dusche? Ach, wer braucht das schon, wenn er einen eiskalten Gebirgsbach um die Ecke hat. Kein Klo? Ach, vier Wände und ein Loch im Boden findet man selbst dort in der Wildnis noch. Es fehlte einem wirklich an nichts, obwohl man so viele Errungenschaften der Neuzeit nicht mit dabei hatte. Diese Reise bewies mir erneut, wie schnell man doch zufrieden sein kann, wenn man einfach nur in der Natur unterwegs ist. An diesem Morgen hatte ich genau dieses Gefühl, als ich im Schein der aufgehenden Sonne aus dem Zelt kroch und auf die verschneiten Gipfel der nördlichen Chuya-Kette blickte.

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Aufbruchstimmung im Camp unterhalb der nördlichen Chuya-Kette.

Das schlechte Wetter war vorbeigezogen und es standen wieder alle Zeichen auf Sonnenschein. Unglücklich, da genau heute eigentlich außer Autofahren nicht viel mehr auf dem Programm stand. Aber keine Angst, es gibt trotzdem genug zu berichten.

Wir machten uns also wieder auf den Weg. Nächstes Ziel war der Ort Aktash, es ging also wieder zurück auf dem Chuya-Highway. Ich drehte mich im Sitz noch einmal um, als die Chuya-Kette hinter einer Kurve verschwand, denn wer weiß, wann ich diesen spektakulären Anblick wieder erleben kann. Aktash bot uns die letzte Möglichkeit, für den Rest der Exkursion nochmal Vorräte in einem richtigen Supermarkt einzukaufen, da es von nun an von der Hauptstraße abgehen würde. Nach einigem Suchen und etwas Übersetzungshilfe hatte ich Mehl und Hefe gefunden, mit welchem wir am Abend Stockbrot über dem Feuer machen wollten. Auch eine Kleinigkeit für das Mittagessen kaufte ich mir noch ein, da es heute wieder nur Brotzeit geben würde. Kurz vor Mittag rollte der Konvoi wieder an und schleppte sich die Passstraße zum Ulagan-Pass hinauf. Mit zunehmender Höhe wurde die Vegetation wieder spärlicher, bis sich ein Hochplateau auftat, welches gesprenkelt von Seen und Mooren, zwischen denen niedrige, rötliche Strauchgewächse wucherten, erneut ein grandioses Bild in die Landschaft zauberte. Bäumen war es in dieser Sumpflandschaft zu feucht, nur vereinzelt waren an den umliegenden Hängen einige Grüppchen auszumachen. Höher und Höher schraubten sich die Fahrzeuge die gewundene Straße hinauf, erneut über die 2000 Meter hinaus. Dann standen wir auf dem Ulagan-Pass, der Wasserscheide zwischen dem Katun, der sehr viel Gletscherschmelzwasser transportiert, und dem Tschulyschman, der riesige Teile des etwas flacheren nördlichen Altais entwässert.

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Einige Berggipfel, sichtbar vom Ulaganpass.

Das Tal des Tschulyschman war unser heutiges Ziel, doch bis dahin waren noch etliche Kilometer zurückzulegen. Vom Ulaganpass fuhren wir hinab in den gleichnamigen Ort Ulagan, an dem wir einen Stopp einlegen mussten. An diesem entlegenen Ort gab es nämlich ein Hotel. Ein Hotel? Hätten wir nicht gebraucht, wenn in Russland für Touristen nicht eine Registrierungspflicht bestanden hätte, der man alle sieben Werktage nachgehen muss. Also checkten wir für umgerechnet circa sieben Euro pro Person ein, um danach einfach weiterzufahren, denn Hotels übernehmen die Aufgabe des Registrierens für ihre Gäste. Da die Registrierung für solch eine große Gruppe ihre Zeit brauchte, teilten wir uns auf die Busse auf und ließen André mit dem Pickup zurück, damit dieser später mit unseren Pässen wieder zur Gruppe aufholen konnte. Als wir so durch die Hügellandschaft, die doch mittlerweile wieder dichter bewaldet war, fuhren, war ich fast ein bisschen traurig, dass wir die eindrucksvolle Hochgebirgslandschaft des Altais schon hinter uns gelassen hatten. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, was für wundervolle Flecken wir auf dieser Reise noch sehen würden. Ein Weilchen gefahren, kündigte sich ein kurzer Halt an. Wir standen am Rand der Schotterpiste und sahen eine Handvoll kraterähnlicher Steinkreise, in dessen Mitte einige Bäume empor wuchsen. Dabei handelte es sich nicht um natürliche Gebilde und nein, es waren auch keine außerirdischen am Werk. Das ganze waren erneut Überreste von längst vergangenen Kulturen. In diesem Fall waren dies einst Hügelgräber, sogenannte Kurgane, welche zur Zeit der Pasyryk-Stufe, die ein Teil der Skythischen Kultur war, in der Landschaft errichtet wurden, um besondere Persönlichkeiten zu bestatten. Zumeist waren diese Hügelgräber an weit in der Landschaft sichtbaren Orten errichtet und dienten somit auch als Markierungen.

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Einer der Kurgane, gut sichtbar über das ganze Tal.

In den letzten Jahrhunderten wurden diese Gräber zu archäologischen Zwecken geöffnet, aber auch Grabdiebstähle sind in der Region häufig der Fall gewesen. Auf jeden Fall hat diese Graböffnung zu der jetzigen Form der Hügelgräber geführt. Einst waren die Steinkreise mit Erde überdeckt und aufgefüllt. Dass jetzt Bäume darin wachsen ist wiederum ein natürliches Phänomen, nämlich die logische Folge eines trichterförmigen Kraters. Am tiefsten Punkt ist ein Gunstraum für Bäume entstanden, da der fallende Niederschlag direkt an die Wurzeln geleitet wird. So, wieder was gelernt.

Weiter gehts erneut mit endloser Autofahrt. Immer wieder döste ich weg, da es tatsächlich in diesem Landschaftsabschnitt kaum interessante Sehenswürdigkeiten gab. Bis dann auf einmal aus dem Wald der Blick so langsam auf ein riesiges Tal freigelegt wurde. Wir konnten bestimmt schon zehn Minuten bevor wir den Rand des Tals erreichten erahnen, wie riesig es war. Am Rand machten wir eine Pause, wir hatten unser heutiges Ziel fast erreicht. Wir standen 600 Meter oberhalb des Tschulyschman, diesem großen Fluss der den nördlichen Altai entwässert. Dass das ein großer Fluss ist, war von dort oben noch gar nicht richtig einzuschätzen, da der Strom in dieser gigantischen Kulisse eher wie ein Bächlein wirkte. Der Pass auf dem wir standen ist eine der bekanntesten Attraktionen im Altai, weshalb auch unsere Gruppe sich dazu entschied, vor dieser Kulisse ein Gruppenfoto zu machen. Grund für mich, an dieser Stelle die Gruppe kurz vorzustellen.

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Gruppenfoto auf dem Pass zum Tal des Tschulyschman. Hintere Reihe von links: Timo (Student), Tassilo (Student), Niklas (Student), Kevin (Student), Fridtjof (Student), Frederic (Student), Ich, Waldemar (Fahrer), Fr. Dr. Mayer (Dozentin), kleiner Dima (Guide), großer Dima (Fahrer), André (Fahrer, Dozent); Vorne von links: Lukas (Student), Korbinian (Student), Gabriel (Student), Sergej (Fahrer), Tosha (Maskottchen), Stephanie (Studentin), Marianne (Studentin), Fr. Prof. Dr. Eckmeier (Dozentin), Marco (Student), Simon (Student), Sophia (Studentin), Christina (russische Deutsch-Studentin)

Nach einer viertel Stunde Pause stand dann die Abfahrt ins Tal an, auf einer Straße, die überhaupt nicht vertrauenswürdig erschien. Eng an die steile Felswand gequetscht kurvten wir die 600 Höhenmeter ins Tal. Dort angekommen fuhren wir noch ein gutes Stück flussabwärts zum nächsten Camp, welches direkt am Fluss lag. Auf nurmehr 490 Metern Höhe gelegen blieb es auch nach Sonnenuntergang angenehm lau. Wir saßen wie jeden Abend zusammen um das Feuer und aßen zu Abend, Eintopf mit Hühnchen gab es mal wieder, doch das Essen schmeckte mir von Mal zu Mal besser, obwohl es nur sehr einfache Mahlzeiten waren. Gegen später ließen wir es uns noch mit dem Stockbrot am Feuer gut gehen, bevor wir ins Bett gingen. Da die Temperaturen in diesem Tal viel angenehmer waren, entschied ich mich mit einigen anderen, die Nacht im Freien zu verbringen. Eine unglaubliche Erfahrung, an so einem abgelegenen Ort direkt unter dem Sternenzelt zu übernachten. In der Nacht setzte der Wind ein, der durch den Sog der aufsteigenden Luftmassen über dem nahegelegenen Telezker See durch das Tal pfiff. Gut, dass ich mich in meinem Schlafsack bis auf ein kleines Loch zum atmen verkriechen konnte, und mit Ohropax und Schlafbrille ausgestattet das Pfeifen des starken Windes an mir vorbeiziehen lassen konnte. Den Sternenhimmel in mein Gedächtnis eingebrannt schlief ich kurz darauf ein.

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