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Tag 5: Die Fahrt in das Chuya-Becken

Tag 5: Die Fahrt in das Chuya-Becken

Unsere Wünsche nach einer wärmeren Nacht wurden erfüllt. Es hatte keinen Frost gegeben und ich konnte, wahrscheinlich auch wegen des Marsches am Vortag, entspannt durchschlafen. Um halb acht begann das übliche Prozedere, dass am Abreisetag von einem Camp durchzuführen war. Zelte ausräumen, abbauen, Gepäck verstauen und Frühstück. Und dann ging es weiter. Zurück über den holperigen Weg in die Kurai-Steppe. Dieses Mal blieben unsere Wägen nicht stecken und so konnten wir fix zur Mitte des Beckens fahren.

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Unsere Fahrzeug-Flotte in der Weite der Kurai-Steppe.

Dort angelangt, stand die erste geographische Untersuchung des Gebiets an. Wie üblich erstmal die Betrachtung der Umgebung, dann einige Nachfragen, und anschließend das Aufstellen von Theorien. Theorien? Klar, die mögliche Megaflut, die einst durch das Tal des Katuns abgegangen sein könnte, hatte auch hier wieder potentielle Spuren hinterlassen. Und zwar welche, die wir zuvor auch schon gesehen hatten. Megarippel! Erst auf den zweiten Blick war wieder erkennbar, dass große Teile des Kurai-Beckens von der welligen Hügelstruktur geprägt waren. Am besten sieht man diese Struktur aus dem Weltall, weshalb ich hier ein Satellitenbild dieser Formation eingefügt habe.

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Sentinel 2A Satellitenbild vom 30.08.2016. Blick auf das Kurai-Becken. Zu sehen ist der Fluss Chuya und mittig unterhalb der bewachsenen Flussufer die Megarippelstruktur, die an die Wellenstruktur im Sand am Meeresufer erinnert.

Das Kurai-Becken liegt direkt unterhalb des Chuya-Beckens, welches als Standort des damaligen Eisstausees vermutet wurde. Mit 80 Kilometern Länge und 40 Kilometern Breite bot sich eine enorme Fläche für den See. Sollte diese Flut jemals stattgefunden haben, so wäre es die größte Süßwasserflut, die bekannt wäre. Das Ausmaß des Chuya Beckens würde uns später an diesem Tag noch ersichtlich werden. Aber jetzt hatten wir neben der Theorie noch Fakten zu klären. Also gruben wir, wie üblich, ein Bodenprofil. Durch das Vorwissen aus dem Beitrag über Tag zwei, brauche ich nun nicht mehr alles erläutern. Es wurde wieder ein Kastanozem ermittelt, durch noch trockenere Bedingungen war der Kalk noch nicht komplett ausgewaschen, jedoch war der A-Horizont noch mächtiger, als am Standort auf der Katun-Terasse. Aufgrund eines überdurchschnittlich feuchten Jahres in der Region, war dennoch etwas Restfeuchte im Boden zu finden.

Über der über dem Kurai-Becken thronenden nördlichen Chuya-Kette zogen langsam ein paar Wolken auf, als wir uns wieder auf die Fahrt Richtung Chuya-Becken machten. Über die Steppe zurück zum Chuya-Highway und diesem folgend überfuhren wir die 2000 Höhenmeter-Marke. Nach und nach dünnten sich die Berge um uns herum wieder aus und der Blick auf die Chuya-Steppe wurde freigelegt. Noch trockener, also schon als Halbwüste bezeichnet, erstreckte sie sich über das weite Chuya-Becken. Die Berge darum waren nur noch Staubtrocken, bis auf einige Schneeflächen auf der südlichen Chuya-Kette, die dieses Becken im Süden abgrenzte.

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Die trockene Chuya-Steppe mit den kargen Bergen im Hintergrund.

Einzig und allein der Chuya-Fluss, der das Becken und die umliegenden Gletscher entwässert, malte ein grünes Band durch die Steppe, welches besiedelt und bewirtschaftet wurde, solange dies im Sommer möglich war. Denn sonst ist die Steppe ein ziemlich lebensfeindlicher Ort, mit einer durchschnittlichen Temperatur von -17°C im Januar, und Kälterekorden von bis zu -62°C. Um so unvorstellbarer war für mich, wie die Einwohner des Chuya-Beckens in doch recht einfachen Holzbehausungen bei diesen Temperaturen dort leben konnten. Selbst im Sommer sinken die Temperaturen bei Nacht häufig unter null Grad, was ja auch wir schon auf 1700 Metern Höhe erlebt hatten. Wir befanden uns im Kosh-Agachsky District, der den äußersten Süden der Republik Altai abdeckte und immerhin 18.000 Menschen beheimatete. Über 40% dieser Zahl wohnen in Kosh-Agach selbst, welches unser nächster Halt war. Kosh-Agash war der letzte nennenswerte Ort vor der mongolischen Grenze, die nur mehr 80 Kilometer entlang des Chuya-Highways entfernt lag.

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Blick in das Chuya Becken und auf Kosh-Agach. Im Hintergrund lässt sich die Grenze zur Mongolei erahnen.

Im Supermarkt von Kosh-Agach konnten wir uns mal wieder für die nächsten Tage mit Snacks eindecken. Von dort aus fuhren wir wieder ein Stück zurück und machten am Straßenrand halt. Die Gruppe sammelte sich und ging auf eine kreideartigen Hügel zu, der in der Steppe zurückgeblieben war. In der Fachsprache wurde dieser Hügel als Pingo bezeichnet und besteht deshalb, da sich im Inneren trotz warmer Temperaturen bei Tag der Permafrost halten kann und diesen stabilisiert. Zumindest in der Theorie, in der Praxis gruben wir über einen Meter tief um irgendwann aus Zeitgründen aufgeben zu müssen, ohne auf den tatsächlich gefrorenen Boden gestoßen zu sein. Das weiße, trockene Bodenmaterial, welches den Pingo auszeichnete ist Folge von extrem trockenen Bedingungen, die die Bodenbildung nicht wie üblich von Oben nach Unten, sonder umgekehrt stattfinden lassen. Durch die starke Verdunstung auch aus tieferen Bodenschichten, werden Minerale und Salze aus diesen in die höheren Schichten transportiert und bilden dort eine Salzkruste. Diese Prozesse der Bodenversalzung sind weltweit auch auf landwirtschaftlichen Flächen in trockenen Gebieten zu beobachten. Da wir uns auf dem Pingo in leicht exponierter Lage, mit weitem Blick über das Chuya-Becken befanden, zückte ich meine Kamera und hielt diese Impressionen für mich fest, wer weiß, wann ich das nächste Mal so nah an der mongolischen Grenze sein würde. Dass die Mongolei nicht mehr weit entfernt lag war auch daran erkennbar, dass in den Weiten des Graslands einige Jurten von Nomaden, die auch heutzutage noch traditionell durch die Lande ziehen, aufgestellt waren.

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Jurten von Nomaden in der Chuya-Steppe, im Hintergrund die schneebedeckten Berge der südlichen Chuya-Kette.

Auch waren uns auf den Straßen von Kosh-Agach einige Autos mit mongolischen Kennzeichen begegnet. So nah und doch bei dieser Reise leider unerreicht ließen wir die Mongolei am Horizont zurück und fuhren Richtung Südwesten zum Dorf Beltir. Beltir war bis zum Jahr 2003 ein Dorf wie jedes Andere im hohen Altai, als es dann jedoch von einem Erdbeben der Stärke 7,2 auf der Richterskala erschüttert wurde, sind nahezu alle Gebäude zerstört worden. Die Einwohner des Dorfes wurden daraufhin auf Anweisung der Regierung in eine neue Siedlung umgesiedelt, jedoch blieben einige von ihnen in ihrem Heimatdorf und bauten dieses teilweise wieder auf. Uns bot sich dadurch ein kontrastvoller Anblick von Häuserruinen und neu errichteten Gebäuden, als wir mit unseren Wägen den Ort durchquerten. Da die Einwohner sich nicht gerne als Attraktion für Touristen sahen, stiegen wir nicht aus, sondern bekamen Informationen über das Erdbeben direkt über Walkie-Talkie von der Exkursionsleitung durchgesagt, während wir das Dorf passierten.

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Die Zufahrt zum Dorf Beltir. Aus Respekt gegenüber der Bevölkerung habe ich mich dazu entschieden, keine Bilder des Dorfes zu veröffentlichen.

Ein bisschen konnte ich verstehen wieso die Menschen diesen Ort nicht verlassen wollten, denn die Lage war wunderschön. Ein Fluss, der die Gletscher der südlichen Chuya-Kette entwässerte, bahnte sich seinen Weg durch das Tal und schuf fruchtbare Weideflächen an seinen Ufern, auf denen Kühe, Schafe, Pferde und sogar wilde Kamele weideten, die einst den Karawanen, die aus der Mongolei über den Altai zogen, entlaufen und nicht wieder domestiziert worden waren.

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Einst domestizierte, mittlerweile wieder frei lebende Kamele auf den saftigen Wiesen nahe des Dorfes Beltir.

Ehrlich gesagt hatte ich Kamele hier oben nicht erwartet, aber eigentlich passten sie doch ganz gut ins Bild dieser kargen Landschaft, mit ihrem dicken, zotteligen Fell, das sie gegen die harten Bedingungen schützte. Der Tag, welcher wohl mit Abstand die meisten relevanten Inhalte der Exkursion behandelte, wartete mit zwei weiteren Stopps auf.

Der erste Stopp war etwas tiefer im Tal gelegen, in welchem auch das Dorf Beltir lag. Auf einer gewaltigen Fläche waren im Jahr 2003, als das Erdbeben geschah, die Hänge der umliegenden Berge abgerutscht. Schollenartig hatte sich der Boden Richtung Tal bewegt und tiefe Risse dazwischen hinterlassen. Für uns war dies deshalb interessant, da ein komplett neuer Maßstab der zeitlichen Skala von geomorphologischen Ereignissen angewendet werden musste. 13 Jahre, die dieses Ereignis nun zurückliegt, sind ein extrem kurzer Zeitraum der geomorphologischen Formung der Erdoberfläche, die teilweise über Jahrtausende, wenn nicht sogar Jahrmillionen unsere Erde geformt hat.

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Schollenartige Abbrüche des Hangs, der 2003 von dem Erdbeben erschüttert wurde.

Der zweite Stopp erfolgte ein Stück zurück Richtung Chuya-Highway, den wir auf unserem Weg nach Beltir verlassen hatten. Wir fuhren in ein weiteres malerisches Tal, in dem weitere Indizien für eine mögliche Megaflut aufzufinden waren. Seesedimente, also Ablagerungen am Seegrund sind in Gletschergebieten deutlich in jährlichen Mustern ausgeprägt. Legt sich im Sommer überwiegend das vom Gletscher abgeschürfte Steinmehl am Grund eines Sees ab, so sind es im Winter häufig auch dunkle, organische Reste, die am Seegrund ihre Ruhestätte finden und weniger die Steinabriebe. Die dadurch entstehenden farblichen Schichtfolgen, auch Warven genannt, ermöglichen eine chronologische Datierung der Höhe des Seegrunds. Und sie beweisen natürlich in erster Linie, dass ein See existiert haben muss. Endlich einmal handfeste Beweise und nicht nur Theorien. Allerdings blieb weiterhin unbewiesen, ob, oder in welchem Ausmaß der See ausgebrochen sein könnte. Trotzdem spannend zu sehen, wie viele verschiedene Beobachtungen man anstellen kann, um wissenschaftliche Erkenntisse zu erlangen. Wieder ein, zwei schöne Bilder der wundervollen Szenerie geschossen, machten wir uns schlussendlich auf den Weg zu unserem neuen Camp.

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Die wundervolle Szenerie, die die Flüsse in der trockenen Steppe erschaffen.

Mein Block war and diesem Tag um einige beschriebene Seiten dicker geworden und ich war froh, jetzt wieder abschalten und den Abend genießen zu können. Wir bauten unser Camp wieder am Rande des Kurai-Beckens auf, um der Kälte der Nacht des über 2000 Meter hoch gelegenen Chuya-Beckens zu entkommen. An diesem Abend erlebten wir tatsächlich Regen, der in dieser Region so selten war, jedoch im Abendlicht der untergehenden Sonne einen schönen Regenbogen über die umliegenden Berge zauberte. Auch an diesem Tag habe ich wieder viele neue Eindrücke gesammelt, von einem Land, das ich vorher als Reiseziel eher auf den etwas weiter hinten liegenden Rängen abgestellt hatte.

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