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Tag 4: die Wanderung zum Aktru-Gletscher

Tag 4: die Wanderung zum Aktru-Gletscher

Auf das Erwachen am vierten Tag folgte erst einmal eine Überraschung. Draußen hatte es tatsächlich Frost gegeben, und alles war von kleinen Eiskristallen überzogen. Denkbar froh war ich, dass ich meine GoPro nicht über Nacht aufnehmen habe lassen, da ich mir nicht sicher war, ob sie, trotz Abkleben aller Anschlüsse und Knöpfe, ohne Schaden davon gekommen wäre. Nach gemeinsamem Frühstück machten wir uns um neun Uhr auf den Weg zum Gletscher. Wir liefen durch die, an den Nordhängen der Chuya-Kette, wachsenden Lärchen- und Kiefernwälder, stets entlang des Gletscherbaches, dessen vom Steinmehl weiß gefärbtes Wasser sich seinen Weg hinab in die Kurai-Steppe bahnte. Am Wegrand gediehen kniehohe Sträucher und Blumen, die dem Ganzen noch einen weiteren Touch an unterschiedlichsten Farben verlieh.

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Verzweigter Weg zum Gletscher, flankiert von satten Nadelwäldern und buntem Strauchbewuchs.

Der Weg war im Prinzip eine Piste, die immer noch von Geländewagen befahrbar war, ab und zu mussten wir auch Platz machen, um einen durchzulassen. Selbst in diesem entlegenen Winkel zieht die touristische Kommerzialisierung ihre Kreise, wie wir später noch sehen würden, wodurch natürlich auch ein Weg mit dem Auto direkt zum Gletscher möglich sein musste. Aber wir wanderten dorthin, was ich sehr angenehm fand, nachdem wir doch während der Exkursion sehr viel Zeit in den Autos verbrachten. Nach einer Stunde Fußmarsch lichtete sich der Wald und gab den weiten Blick auf das Kiesbett der Grundmoräne frei. Vielfach verzweigt suchte sich der Gletscherbach Wege über die riesige Schotterfläche.

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Der verzweigte Gletscherbach, der sich seinen weg über die Schotter der Grundmoräne sucht.

Vor uns lag immer noch ein großes Stück bis zum Ende der Gletscherzunge, denn diese war seit der letzten großen Kaltzeit weit in das Tal zurückgewichen. Gegen 12:00 Uhr Mittagszeit erreichten wir das Gletschercamp, an dem eine Forschungsstation, eine Wetterstation und der Startpunkt für Touren, die die Besteigung des Gletschers zum Ziel hatten, lagen. Dass diese Station auch versorgt werden musste, rechtfertigte für mich noch die Erreichbarkeit mit dem Auto, dass allerdings dort oben in dieser wunderschönen Natur für Touristen derzeit ein Hüttendorf mit deutlich höheren Standards, als sie im Altai üblich sind, gebaut wird, zerstörte in mir die Vorstellung, dass die Schönheit dieses Ortes für immer bewahrt bleiben könnte. Das werdende Touristenzentrum hinter uns gelassen, stiegen wir nun die mächtigen Schuttablagerungen der jungen Seitenmoränen hinauf.

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Der Blick von der oberen Seitenmoräne hinab ins Tal. Gut auszumachen sind die für Touristen gebauten Holzhütten.

Bis dahin konnten wir immer schon die oberen Teile des Gletschers sehen, allerdings war die Zunge durch einen leichten Knick im Tal bisher verborgen geblieben. Auf der Seitenmoräne angekommen präsentierte sich der Gletscher in vollem Ausmaß vor uns.

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Der untere Teil des Aktru-Gletschers, der schon von vielen Schottern bedeckt ist.

Wir überquerten das Geröllfeld aus scharfkantigem Gestein, bis wir unmittelbar vor dem Gletschertor, oder dem, was davon übrig geblieben ist, stehen blieben. Für mich war es das erste Mal, dass ich an einem Gletscher stand, mal die mickrigen Überbleibsel der Deutschen Alpen ausgenommen. Ich war überwältigt von den riesigen Eismassen, die den Berg hinab ins Tal geschoben wurden und dort, schon von Schottern bedeckt, langsam abtauten.

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Blick auf die Eismassen, die der Gletscher mit sich bewegt.

Ich bin froh diesen Gletscher besucht zu haben, denn auch er wird irgendwann den steigenden Temperaturen nicht mehr trotzen können. Die Kulisse in der wir uns befanden zog mich wirklich in einen Bann und ich war dankbar dafür, dass meine Gabe für die Wertschätzung der Natur mich auch hier überwältigte.

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Die wunderschöne Kulisse mit den zwei weiteren Gletschern, die sich neben dem Aktru-Gletscher befinden.

Viel zu kurz hatten wir, meiner Meinung nach, Zeit, um uns am Gletscher aufzuhalten. Das ist vielleicht das einzige Manko, das ich an der Exkursion auszusetzen hatte. Man hatte in wenig Zeit viel zu Besichtigen und Abzuarbeiten, was manchmal den Blick für die besonderen Dinge unklar werden lies. Wir begaben uns also wieder auf den Abstieg, schließlich hatten wir ja nochmal die gesamte Strecke zu gehen, und mit weiterwandern der Sonne hinter die Gipfel war es Zeit, zurück zum Camp zu gelangen. Mir kam es ziemlich recht, dass die Gruppe sich durch unterschiedliches Gehtempo etwas auflöste und ich ab und an die Möglichkeit hatte ein paar Sekunden stehen zu bleiben, um zu verarbeiten, was meine Sinne an diesem Tag alles wahrnehmen durften.

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Bei solch wunderschönen Berghängen lohnt es sich wirklich, ab und zu einen Moment stehen zu bleiben, um die Natur zu bewundern.

Um 17:30 Uhr erreichten wir nach und nach das Camp. Ohne Dusche war wieder waschen im Gletscherbach angesagt. Mehr als fünf Sekunden hielt ich es nicht in dem sau kalten Wasser aus, wahrscheinlich wäre eine längere Zeit auch gar nicht mehr gesund. Fix wusch ich noch ein paar Klamotten im Bach, hing sie auf und war dann froh über die warme Gemüsesuppe, die die Crew für die ankommende Wandergruppe gekocht hatte. Den Marsch in den Beinen ging ich zufrieden, etwas früher als sonst, ins Bett und hoffte, dass es in dieser Nacht vielleicht ein paar grad über Null bleiben würde.

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1 Kommentar

  1. Oda
    Dienstag, der 27. September 2016 / 17:49

    Lieber Moritz, ich bin total begeistert von deiner einfühlsamen, wirklich gut nachvollziehbaren und auch für einen Laien wie mich absolut verständlichen Beschreibung dieser Exkursion. Die schönen Bilder ergänzen die Texte zu einem Gang durch dieses mir bisher unbekannte Gebiet. Ich freue mich riesig über deine Wertschätzung der noch relativ unberührten Landschaft und die Befürchtung, was den Tourismus anbelangt. Andererseits gibt es hoffentlich auch viele, die sich ähnlich wie ihr verhalten und die Gegend in ihrem Zustand weitgehend bewahren, trotz der Holzhütten.
    Bewahre du dir auf jeden Fall deine Freude und Begeisterung – und die Ehrfurcht.

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