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Tag 2: Die Exkursion beginnt

Tag 2: Die Exkursion beginnt

Am zweiten Tag begann unsere Exkursion erst so richtig. Auf dem Programm standen geomorphologische Untersuchungen, Bodenkunde und die Untersuchung von verschiedensten Theorien über die Gegend. Von nun an werden auch meine Einträge etwas geographischer formuliert sein, allerdings in für Laien verständlicher Sprache. Ich möchte unsere Untersuchungs- und Forschungsinhalte deshalb mit euch teilen, da sie die Faszination für die Macht der Natur und die zeitliche Dimension unseres doch eigentlich erst so kurzen Daseins als Mensch eindrucksvoll vermitteln.

Der Tag begann für mich erst einmal mit Küchendienst, wobei das lediglich aus Feuer machen und Kochtopf umrühren bestand, da die Fahrer schon einige Sachen vorbereitet hatten. Zumeist bestanden die Mahlzeiten aus einer Hauptspeise, die im Topf zubereitet wurde, und einigen kalten Beilagen. Der Milchreis, den es an diesem Tag gab, war irgendwie eine Mischung aus salzig und süß, woran wir uns aber im Laufe der Reise gewöhnen würden, da die Frühstücksmahlzeiten häufiger etwas gewöhnungsbedürftig gesalzen waren. Wie auch immer. Die Kälte der Nacht durch die Mahlzeit verdrängt, machte sich die Gruppe auf den Weg zum ersten Untersuchungsstandort. Dieser lag auf einem Plateau über dem Katun. Wir befanden uns im Bereich der semiariden Steppen, dass heißt es verdunstete theoretisch mehr Wasser, als im Jahresmittel an diesem Ort als Regen fällt. Dementsprechend trocken und spärlich war der Bewuchs des Plateaus und der Berge drum herum. Lediglich Gräser und Wermut-Pflanzen konnten in diesen Steppen ideal wachsen. Zur bodenkundlichen Untersuchung gruben wir ein Bodenprofil und untersuchten verschiedene farbliche und chemische Eigenschaften. Geländearbeit hat mich schon immer fasziniert, da man direkt in der Natur, von der Natur, etwas lernt. So gruben wir also bis auf 40cm Tiefe ein Loch, denn darunter stießen wir auf Gestein, von dem wir ausgingen, dass es das Ausgangsgestein des Bodens sei. Wir führten eine Fingerprobe durch, mit deren Hilfe man auf einfache Weise im Gelände bestimmen kann, welche Korngrößen in einem Boden vorhanden sind. Zudem führten wir mit einer Farbskala Abgleiche der verschiedenen Bodenschichten, in der Bodenkunde Horizonte genannt, durch. Zuletzt benutzen wir Salzsäure, die bei Kalkgehalt zu Blasenbildung führen würde. Die Entstehung von Blasen zeigt immer, dass die Salzsäure mit Kalk reagiert, demzufolge also ein gewisser Kalkgehalt im Boden vorhanden ist. Das Blubbern erschien bei der Probe erst mit zunehmender Tiefe des Bodenprofils. All diese Untersuchungen brachten uns zu dem Ergebnis, dass am Untersuchungsstandort ein Kastanozem, ein für diese Region typischer Boden, vorlag. Er zeichnet sich aus durch einen A-Horizont mit hohem organischen Anteil, keinen B-Horizont und einen C-Horizont aus Lössmaterial. Löss ist ein feines, nährstoffreiches Material, dass irgendwann in der Erdgeschichte einmal vom Wind an diese Stelle gebracht worden ist. Im C-Horizont befindet sich auch das über die Zeit ausgewaschene Kalkmaterial, was das Ergebnis der Salzsäure-Untersuchung gezeigt hat. Alles in allem ist der Kastanozem, der seinen Namen durch sein kastanienbraunes Antlitz trägt, ein potentiell fruchtbarer Boden, jedoch sind durch mangelnde Niederschläge Nutzungen in dieser Region fast ausschließlich durch Weidewirtschaft möglich. Dadurch entsteht diese Idylle, die wir von den weiten, hochgelegenen Steppen dieses Planeten kennen.

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Eine glückliche Kuh in einer unglaublichen Landschaft.

Der zweite Untersuchungsschwerpunkt des Vormittags bestand aus der Untersuchung der Talform. Zunächst wurde uns gelehrt, dass das Plateau, auf dem wir standen, eine Flussterrasse sei, und davon noch mehrere weitere vorhanden waren. Diese sind Zeitskalen für erdgeschichtliche Kalt- und Warmphasen, da während dem Übergang zwischen Kalt- und Warmphase der Schmelzabfluss aus dem Gebirge stark zunahm und der Fluss sich dadurch erneut tiefer in das Sediment eingrub. Je nachdem wo am Ufer des Katun man suchte, konnte man bis zu 23 Terrassen finden, sprich 23 Kaltzeiten zurück in die Vergangenheit reisen.

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Flussterrassen am Ufer des Katuns.

Soweit erst einmal die Theorie am Morgen. Vor dem Mittagessen blieb noch ein wenig Zeit übrig, weshalb wir einige Meter weiter zur Mündung des Jeloman in den Katun liefen. Dort bot sich uns die Möglichkeit, im kalten Gletscherfluss zu Baden.

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Der Badestrand, and dem wir eine Mittagspause einlegten.

Angenehm, da die Sonne zur Mittagszeit ordentlich runterbrennt. Außerdem war das eine gute Möglichkeit, sich mal wieder ein bisschen zu Waschen, denn außer den Flüssen gab es hier auf unserer Tour keine Gelegenheit dazu. Sauber und erfrischt begaben wir uns anschließend zum Mittagessen zurück zum Camp. Es gab Eintopf aus Hammelfleisch, Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln. Dass hier einfach Knochen mit Fett und allerlei Anhängseln in die Suppe geworfen werden, war für einige ein bisschen unangenehm, allerdings fand ich das Essen trotzdem lecker. Am Nachmittag fuhren wir mit den Autos los, ein Stück zurück flussabwärts des Katuns. Durch den Bau der Straße wurde hier eine der Schotterterassen angeschnitten, wodurch wir das Innere dieser untersuchen konnten. Auffällig war, dass eine Ordentliche Sortierung in einzelne Schichten verschiedener Schottergrößen vorzufinden war. Wissenschaftler rätseln bis heute, wie all die Schotter dorthin gelangt sein können, vermuteten sie doch für lange Zeit, dass eine Megaflut eines Dammbruchs eines Eisstausees während einer vergangenen Kaltphase der Erde Grund für die enormen Massen an Schottern sein könnten. Diese Theorie konnte von uns jedoch vorerst nicht gestützt werden, da die Sortierung unmöglich bei einem solchen Großevent entstanden sein konnte, sondern eher eine chaotische Ablagerung zu erwarten wäre. Zum ersten Mal wurde uns Studenten bewusst, dass das Buch über die Entstehung des Altais noch viele unbeschriebene Seiten enthielt, und selbst die beschriebenen noch nicht wirklich abgesegnet werden konnten. Für uns war dies natürlich eine hervorragende Möglichkeit, selber ein paar Theorien zu entwickeln, was während der Exkursion teilweise noch rege Diskussionen hervorrief. Aus den Schottern nicht wirklich schlauer geworden fuhren wir zurück flussaufwärts bis zum kleinen Bergdorf Inja. Wir hatten dort die Möglichkeit im Supermarkt neue Snacks einzukaufen, die unseren Speiseplan der drei Mahlzeiten pro Tag ergänzen konnten. Außerdem musste ja auch das Fahrerteam ab und zu neue Vorräte besorgen. Im Anschluss daran folgte ein weiterer Stopp an einer Stelle, die eine mögliche Megaflut bestätigen könnte. Unterhalb des Dorfes in einem breiten Tal befanden sich haufenweise große Steinblöcke an der Oberfläche. Wie diese dahin gelangt sein könnten galt es nun herauszufinden. Neben den Steinen im Tal waren auch geschwungene Hügelformen erkennbar, die als sogenannte Megarippel bezeichnet wurden. Ihre Entstehung wird durch die Theorie der Megaflut erklärt, die in ihrem Abgang diese Wellenformen hinterlassen haben könnte, ähnlich der Wellenformen, die auch in klein an Stränden am Meer bei Ebbe vorzufinden sind. Soweit so gut, fraglich war dennoch noch, woher die Steine kamen. Für direkt von einem Gletscher transportierte Steine waren sie noch zu scharfkantig. Außerdem war mit hoher Wahrscheinlichkeit belegt, dass die Gletschervorstöße während der Eiszeiten nicht bis in dieses noch tief gelegene Gebiet  des Altais gereicht haben konnten.

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Blockablagerungen im Tal unterhalb des Bergdorfes Inja, die die Steppe bedecken.

Ein Felssturz von einem der umliegenden Berge war die nächste Theorie. Jedoch waren teils riesige Blöcke auch noch weit in der Mitte des Tals zu finden, die wohl kaum soweit gerollt sein konnten. Eine Kombination aus Felssturz und Megaflut wäre eine mögliche Begründung gewesen, dass diese aber tatsächlich stattgefunden hat, ist weiterhin schwer zu beweisen. Mit einigen weiteren Überlegungen und Gedanken im Kopf fuhren wir zurück zum Camp, aßen zu Abend und ließen den Tag gemütlich ausklingen. Zu essen gab es Eintopf, was sonst. Daran mussten wir uns gewöhnen.

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